Kunst am Bau

Frances Scholz: "Waterloo"

Über die gesamte Rückwand des Foyers im Orchesterzentrum|NRW erstreckt sich das 9x26 Meter große Kunstwerk „Waterloo“ der Künstlerin Frances Scholz. Die Arbeit bildet den jüngsten Teil einer Serie von Gemälden und Installationen der Künstlerin, deren Beginn der Film PANORAMA (2006) markierte.

Als Scholz in Belgien die jährlich stattfindende Wiederaufführung der Schlacht von Waterloo filmte, erkannte sie in dieser Neuinszenierung des Höhepunktes der „Kriegskunst“ der Aufklärung einen wirkungsvollen Dreh- und Angelpunkt zwischen Kunst und Krieg, Aufklärung und Romantik, 18. und 19. Jahrhundert, 19. und 20. Jahrhundert und so fort. Dabei stand die in Echtzeit inszenierte Nachahmung einer Schlacht für die Kunst im Sinne einer Fixierung des Prinzips der Transformation und offenen Möglichkeiten, ausgehend von der evidenten Vorgabe der historischen Realität.

Das vorliegende, in Blau und Weiß gehaltene Gemälde, das nun in spontaner Weise mit der Gegenwart Dortmunds interagiert, ist zugleich opak und transparent, positiv und negativ. Das Blau ist offenkundig die Farbe Napoleons, greift aber auch die Mehrdeutigkeit der Funktion dieser Farbe innerhalb der Schlacht von 1815 auf. Als nämlich die Preußen am späten Nachmittag eintrafen, erblickte Napoleon zwar schon von weitem ihre blauen Uniformen, erkannte aber nicht, ob diese die Ankunft seiner eigenen Truppen oder die des Feindes, also Sieg oder Niederlage signalisierten.

Ein derartiges Nebeneinander von Möglichkeiten prägt auf unterschiedlichen Ebenen auch die Arbeit von Frances Scholz. Einerseits lässt sich das Bild als die Silhouette einer Militärformation auf dem Schlachtfeld lesen. Gleichzeitig bildet es die Negativform einer 1807 entstandenen Zeichnung einer Lilie in einer Vase von Philipp Otto Runge ab – das komplette Gegenteil eines Schlachtenpanoramas also. Es lassen sich zahlreiche solcher simultaner Dichotomien im Bild ausmachen. Hier einige Beispiele:

INNEN vs. AUSSEN
Das Gemälde, das die Konzertbesucher begrüßen und zur Musikerfahrung einladen soll, übernimmt eine aus Sicht der Vorübergehenden eigentümlich aktive Rolle. Scholz’ Arbeit nimmt die großzügige architektonische Verwendung von teilweise verspiegeltem Glas auf – wodurch ein privater Vorraum zur gemeinschaftlichen visuellen Kommunikation entsteht – und verbindet die lokal reflektierte Umgebung mit dem freien orchestralen Zusammenspiel von Form, Geste und Farbe.

KLASSISCHE vs. POP-IKONOGRAPHIE
In der Verwandlung der Negativform wird Runges klassisches Blumenstillleben quasi zu einem Element der Pop-Ikonographie, da diese Form einer Sprechblase oder einer Comic-artigen Darstellung einer Wolke ähnelt, die von Aeolos, dem Gott des Windes ausgestoßen wurde.

FLACHHEIT vs. TIEFE
Die futuristische, minimalistische, beharrlich glatte und flache Wandarbeit verweist optisch auch auf das Ideal der dreidimensionalen Tiefe in der traditionellen Wandmalerei seit der Renaissance.

GESTE vs. KONZEPT
Wie die Musik selbst stellt das Wandgemälde einerseits die Realisierung des „Entwurfs“ eines genau definierten, mechanisch reproduzierten Konzeptes dar und protokolliert andererseits in Echtzeit dessen unmittelbare „Ausprägung“. Das Bild ist in schnellen, breiten Pinselstrichen unter den Beschränkungen durch Zeit, Körper und Schwerkraft von Hand gemalt. Dabei sind die Farbspritzer und kleineren Missgeschicke bei der Entstehung integraler Teil der Arbeit, welche die Kraft „live“ gespielter Musik im Sinne einer unveränderlichen, unbearbeiteten Aufführung in Echtzeit zelebriert.

Dies alles sind mögliche Lesarten im Hinblick auf die vorliegende Arbeit. Bei der Betrachtung dieser Lesarten ist zu bedenken, dass sich „Waterloo“ einer nach wie vor radikalen Avantgarde-Tradition verdankt, innerhalb derer ein Kunstwerk nicht in didaktischer Weise seine eigene Deutung bestimmt, sondern vielmehr jeden Betrachter auf eine individuelle kritische Reise ins Reale einlädt.